Geschichten aus dem Mittelalter

Geschichten des Bracciolini Poggio

Er war ein zunächst in Florenz lebender Humanist. Er war für seine Zeit sehr belesen und verfasste zahlreiche Schriften und Bücher. Seine Facezien (Sammlung von Anekdoten und Schwänken) entstanden in der 2. Hälfte des 15. Jahrhundert. Sie wurden zunächst nur handschriftlich verteilt, später, mit der Erfindung des Buchdruckes, wurden sie weit verbreitet. Da in Ihnen u.a. die Sittenlosigkeit des Klerus aufgedeckt wird, wurden sie im 16. Jahrhundert durch ein Konzil auf den Index gesetzt und lange Zeit in Italien nicht gedruckt. Hier folgen einige amüsante Geschichten aus den Facizien des Poggio:

Von einer Kurtisane, die wegen eines Unrechts klagte,

das ihr ein Barbier zugefügt hatte. „Es besteht zu Florenz eine Behörde, die den Namen Sittlichkeitsamt führt und deren Hauptaufgabe es ist, in Sachen der öffentlichen Mädchen Recht zu sprechen. …

Vor ihr erschien einmal eine Kurtisane, um Klage zu führen über Unrecht und Schaden, die ihr von einem Barbier zugefügt worden waren, den sie ins Bad hatte kommen lassen, damit er ihr die unteren Partien rasierte. Er hatte sie mit dem Rasiermesser dort unten so geschnitten, dass sie sich mehrere Tage keinen Mann hatte hingeben können. Wegen dieses ihr zugefügten Schadens verklagte sie ihn nun und verlangte Ersatz des entgangenen Gewinnes.“ Wie das Gericht entschieden hat, erfährt der Leser nicht. Aber interessant ist, dass wir daraus erfahren, dass bereits im 14. Jahrhundert Damen im Schambereich rasiert waren, was Viele für eine moderne Erscheinung halten.

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Streit zweier Kurtisanen um ein Stück Leinwand Zwei Weiber aus Rom, verschieden an Alter und Schönheit, gingen einmal in die Wohnung eines unserer Kurialen, um seiner Lust zu dienen. Während dieser sich mit der Schöneren zweimal ergötzte, gab er sich mit der anderen nur einmal ab. …Als sie fortgingen, schenkte er ihnen ein Stück Leinwand, ohne anzugeben, in welchem Verhältnis sie es teilen sollen. Als nun die Teilung vorgenommen werden sollte, entstand zwischen den Weibern ein Streit, indem die eine entsprechend der geleisteten Arbeit zwei Drittel, die andere die Hälfte des Ganzen forderte. Zu den Worten kam es zu Schlägen und sie fingen an, sich in die Haare zu fahren und mit den Nägeln zu bearbeiten. Zuerst kamen die Nachbarn herbeigeeilt, dann die Ehemänner. Niemand kannte den Grund des Zwistes. Man ging mit Stöcken und Steinen aufeinander los, bis sich Passanten ins Mittel legten und die Erbitterten auseinanderbrachten. Die Leinwand liegt noch ungeteilt bei einem Dritten, weil die Entscheidung noch nicht gefallen ist, aber insgeheim unterhandeln die Weiber über ihre Teilung. Wie würden die Rechtsgelehrten in diesem Falle entscheiden?

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Jemand, der eine Matrone fragt, ob seine Frau zwölf Monate lang schwanger gehen könne, erhält von dieser eine scherzhafte Antwort

Ein Bürger aus Florenz, der außer Landes gewesen war und nach Ablauf eines Jahres in sein Haus zurückkehrte, fand seine Frau in den Wehen liegen. Das beunruhigte ihn sehr, weil er den Verdacht hatte, seine Frau sei ihm untreu gewesen. Da er seiner Sache nicht sicher war, ging er, um sich zu vergewissern, zu einer sehr vornehmen und klugen Matrone und fragte, ob es möglich sei, dass seine Frau ein Kind von zwölf Monaten zur Welt bringe. Diese durchschaute sofort die Dummheit des Mannes und sagte „gewiss, wenn deine Frau am Tage der Empfängnis zufällig einen Esel gesehen hat, musste sie wie die Eselinnen ein ganzes Jahr schwanger gehen“. Der Mann beruhigte sich bei diesen Worten der Matrone und dankte Gott, dass er ihn von einem schweren Verdacht befreite und seine Frau vor einem großen Skandal bewahrte.

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